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Wirtschaft 08.01.2016

Bandcamp – attraktiv aber unglaublich schwer zu administrieren

Bandcamp hat sich über die Jahre zu einem durchaus attraktiven Marketing - und Vertriebstool entwickelt. Allerdings sind doch einige Unsicherheiten und Unklarheiten vorhanden.

Unsere kleine Faktensammlung:

Über Bandcamp
Bandcamp ist ein Online-Musikdienst und eine Plattform zur Promotion, die sich insbesondere an Künstler richtet. Künstler bei Bandcamp besitzen eine veränderbare Microsite mit den Alben, die sie hochladen.  Alle Titel können kostenfrei auf der Internetseite abgespielt werden. Künstler können festlegen, ob Musikdownloads kostenlos oder kostenpflichtig möglich oder an die Angabe einer E-Mail-Adresse gekoppelt sind. Die Teilnahme für Künstler bei Bandcamp ist kostenlos, wobei Bandcamp sich einen Anteil von 15 % an den Verkäufen auf der Website einbehält, wobei der Anteil nach der Einnahme von mehr als 5.000 US-Dollar durch Verkäufe auf 10 % sinkt. Bandcamp Pro und Bandcamp für Labels sind kostenpflichtig. Für Label: 20 USD im Monat für bis zu 15 Künstler und 50 USD im Monat für eine unbegrenzte Künstleranzahl. Bandcamp Pro schlägt mit 10 USD im Monat zu Buche.

Bei dem Download der Musik können Kunden zwischen den Formaten MP3 mit einer konstanten Bitrate von 320 kbit/s, MP3 mit variabler Bitrate, FLAC, AAC, Ogg Vorbis mit einer konstanten Bitrate von 192 kbit/s und ALAC wählen.
Der Upload ist in den Formaten WAV, AIFF oder FLAC möglich.
 
Geschichte
Ethan Diamond gründete 2008 Bandcamp. Bandcamp erhielt im Juli 2010 Aufmerksamkeit, als Amanda Palmer, Low Places und Bedhed ihre jeweiligen Plattenlabels aufgaben und anfingen, ihre Alben auf Bandcamp zu verkaufen, wobei sie über Twitter darauf aufmerksam machten. Amanda Palmer nahm dabei innerhalb von drei Minuten nach Veröffentlichung der EP Amanda Palmer Performs the Popular Hits of Radiohead on Her Magical Ukulele auf Bandcamp 15.000 US-Dollar ein. Auch Sufjan Stevens nutzt Bandcamp zum Verkauf seiner Alben; er erreichte mit der EP All Delighted People allein durch Verkäufe bei Bandcamp die Billboard-200-Charts. Die Beliebtheit der Internetseite stieg 2011, als einige Indie-Games-Entwickler die Soundtracks ihrer Spiele auf Bandcamp veröffentlichten. Dazu gehörten Bastion, Sanctum, Machinarium, Terraria, Pflanzen gegen Zombies, Limbo, Super Meat Boy, To the Moon und Minecraft. Im Dezember 2011 machte die Website zum ersten Mal im Zeitraum eines Monats einen Umsatz von einer Million US-Dollar.

Vertriebsmöglichkeiten
Bei Bandcamp können die Künstler genau bestimmen, wie die Fans ihre Musik beziehen können. Erstes Unterscheidungskriterium ist, ob überhaupt ein Download ermöglicht wird.
Sofern dies gewünscht ist, kann er auch kostenlos erfolgen. Hierfür steht ein Kontingent von 200 Gratisdownloads pro Monat zur Verfügung. Für je 500 US-Dollar an Umsätzen wird das Kontingent um 1.000 Downloads erhöht. Zusätzlich können für einen Preis von 1,5 bis 3 US-Cent weitere Downloads gekauft werden. Optional kann der Gratis-Download an das Angeben einer gültigen E-Mail-Adresse gekoppelt werden, an die der Download-Link geschickt wird. Nach dem gleichen Schema können auch Download-Codes generiert und vergeben werden. Neben dem Setzen eines festen Preises ist es auch möglich, den Käufer bestimmen zu lassen, wie viel er bezahlen möchte. Hierbei kann ein Mindestbetrag festgesetzt werden. Es besteht aber auch die Möglichkeit, den Download kostenlos oder erst gegen Angabe einer E-Mail-Adresse zu ermöglichen. Die Downloads können um Bonus-Material wie Fotos und Videos ergänzt werden. Es können auch Fan-Artikel angeboten werden, bei denen die Preisgestaltung analog zu den Downloads erfolgt.

Bandcamp unterstützt auch Creative-Commons-Lizenzen. Bei jedem hochgeladenen Musikstück kann neben „All rights reserved“ auch eine der sechs 3.0er-Lizenzen ausgewählt werden. Es kann auch eine Kombination verschiedener Lizenzen genutzt werden.

Soweit so gut, jetzt kommen wir zu den kniffligen Dingen in einer Geschäftsbeziehung mit Bandcamp:
 
1. Bandcamp hat keine offizielle Geschäftsadresse und lässt sämtliche Geschäftsbeziehungen ausschließlich über die Webseite zu. Also bitte unbedingt ganz genau die „Terms of Use“ studieren, um zu wissen, auf was man sich einlässt.
 
Allgemeine Geschäftsbedingungen
Preise
Bandcamp für Label
 
2. Wer stellt eigentlich Rechnungen an die Endkunden: Bandcamp oder das Label?
Eigentlich ist das Label Rechnungssteller, da Bandcamp nur eine Web Shop-Struktur anbietet und der Vertragspartner des Kunden das Label ist.

Muss das Label jedem Käufer eine UmsatzsteuerRechnung schicken?Ja! De facto verschickt Bandcamp Rechnungen an die Kunden: Mit Umsatzsteuer-Handling, aber ohne Rechnungsabsender und ohne Steuernummer des Labels auszuweisen.

3. Welche Umsatzsteuer wird auf digitale Verkäufe angewendet und wie muss das Label damit umgehen?
Die Umsatzsteuer auf physische Verkäufe ist klar, wenn das Label in DE sitzt: 19%.

Digital ist seit Januar 2015 allerdings wesentlich komplizierter:

Seit dem 1. Januar 2015 liegt der Leistungsort bei Telekommunikations-, Rundfunk- und Fernseh- sowie auf elektronischem Weg erbrachten Dienstleistungen an Nichtunternehmer in dem Staat, in dem der Leistungsempfänger ansässig ist oder seinen Wohnsitz oder gewöhnlichen Aufenthaltsort hat. Diese Ortsbestimmung gilt seit dem 1. Juli 2003 bereits für auf elektronischem Weg erbrachte Dienstleistungen, die von im Drittland ansässigen Unternehmern an Nichtunternehmer im Gemeinschaftsgebiet erbracht werden. Damit erfolgt die Umsatzbesteuerung dieser Leistungen einheitlich nicht mehr in dem Staat, in dem der leistende Unternehmer ansässig ist, sondern am Verbrauchsort.  Als Folge hiervon müssen sich Unternehmer entweder in den Mitgliedstaaten, in denen sie die genannten Leistungen ausführen, umsatzsteuerlich erfassen lassen und dort ihren Melde- und Erklärungspflichten nachkommen oder die Vereinfachungsmöglichkeit durch die Sonderregelung "Mini-One-Stop-Shop" in Anspruch nehmen.

Bandcamp berechnet dem Kunden automatisch unterschiedliche Umsatzsteuer-Sätze für digitale Verkäufe in unterschiedliche EU Länder. Diese werden dem Label in der Abrechnung ausgewiesen.

Muss das deutsche Label jetzt also in 26 EU-Staaten verschiedene Umsatzsteuer-Meldungen machen?
Ja, das deutsche Label müsste in 26 EU-Staaten Umsatzsteuer-Meldungen durchführen!

Gegebenenfalls könnte das Verfahren „Mini-One-Stop-Shop“ Abhilfe leisten:
Die seit dem 1. Januar 2015 geltende Sonderregelung des Mini-One-Stop-Shop ermöglicht es den in Deutschland ansässigen Unternehmern, ihre in den übrigen Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU) ausgeführten Umsätze, die unter die Sonderregelung fallen, in einer besonderen Steuererklärung zu erklären, diese Steuererklärung zentral über das Bundeszentralamt für Steuern (BZSt) auf elektronischem Weg zu übermitteln und die sich ergebende Steuer insgesamt zu entrichten. Diese Regelung gilt allerdings nur für die Umsätze in anderen Mitgliedstaaten der EU, in denen der Unternehmer keine umsatzsteuerliche Betriebsstätte hat. Die Teilnahme an der Sonderregelung können Unternehmer auf elektronischem Weg beim BZSt beantragen. Für die Antragstellung durch im Inland ansässige Unternehmer steht das BZSt Online-Portal zur Verfügung.
Für die Sonderregelung registrierte Unternehmer können im BZSt Online-Portal ihre Registrierungsdaten ändern, ihre Steuererklärungen übermitteln und berichtigen sowie sich vom Verfahren abmelden. Ein Widerruf der Teilnahme ist unter Einhaltung einer Widerrufsfrist grundsätzlich bis zum Beginn eines neuen Besteuerungszeitraums (Kalendervierteljahr) mit Wirkung ab diesem Zeitraum möglich.

Das BZSt hat ein FAQ eingerichtet und es besteht bei weiteren Fragen eine direkte Kontaktmöglichkeit.


Hintergrund zur Umsatzsteuer auf digitale Formate:
http://rechtsanwalt-schwenke.de/e-commerce-faq-umsatzsteuer-elektronische-leistungen-2015/
http://www.e-recht24.de/artikel/steuerrecht/8019-neue-umsatzsteuer-2015.html

4. Wer kümmert sich um die Lizenzen für die Nutzung der Komposition und der Texte, bzw. wer kümmert sich um die GEMA: Bandcamp oder das Label?
Jedenfalls nicht Bandcamp, denn in den „Terms of Use“ stellt Bandcamp eindeutig klar, dass diese Verantwortung komplett beim Label bzw. Uploader liegen soll. Wen die Verantwortung tatsächlich trifft, das ist rechtlich umstritten. Die GEMA ist der Auffassung, grundsätzlich sei der Nutzer verantwortlich für die Lizenzierung und hält z. B. YouTube für den Nutzer, weil YouTube den Content im eigenen Service vermarktet. Leider steht die GEMA mit dieser Auffassung ziemlich alleine da und die Gerichte geben der GEMA in ihrem erbitterten Kampf gegen YouTube bisher nicht Recht.

Es spricht vieles dafür, dass das Label bzw. der Verkäufer sich eigentlich um die Nutzung der Urheberrechte kümmern muss. Die Urheber haben in den meisten Ländern einen Anspruch auf Vergütung jeder Nutzung. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Nutzung ein Stream oder Download, kostenlos oder kostenpflichtig angeboten wird. Wenn Amanda Palmer für ihre Ukulele-Versionen bekannter Radiohead-Hits 15.000 US-Dollar eingenommen hat, dann hätte sie Radiohead, deren Verlag bzw. den jeweiligen Verwertungsgesellschaften entsprechende Lizenzen zahlen müssen und zwar nicht nur einen Anteil an den Einnahmen der Downloads, sondern auch für die kostenlose Nutzung als Stream. Jedenfalls hat sich Bandcamp nicht darum gekümmert.

5. Wenn ich einen Künstler für Europa lizensiert habe, kann ich auch nur für Europa auf Bandcamp verkaufen?
Nein, Bandcamp bietet keinerlei „Geoblocking“ an, eine Bandcamp Veröffentlichung ist eine weltweite Veröffentlichung.

6. Upload-Prozess
Es gibt keinen automatisierten Uploadprozess. Von daher ist das Aufspielen eines Labelkataloges eine ausgesprochen zeitaufwendige Angelegenheit.

Unsere Empfehlung:
Bitte überlegt Euch sehr genau, ob Euch der ziemlich hohe Administrierungsaufwand eine Geschäftsbeziehung mit Bandcamp wert ist und lest bitte sehr genau die allgemeinen und speziellen "Terms of Use"!

Der Artikel in englischer Sprache hier zum Download

Tags: Wirtschaft Mitgliederbereich

Kategorie: Wirtschaft