VERBAND UNABHÄNGIGER MUSIKUNTERNEHMEN E.V.
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Indies 13.11.2012

Anonymus mal anders oder RTFM!

Nominiert für die Goldene Indieaxt 2012 ist der brillante und eloquente Analytiker der Musikbranche, der Musikpartisane.

Aufgetaucht ist der anonyme Schreiber am 12. April 2012, als die „Urheberrechtsdebatte“ gerade richtig an Fahrt gewann. Seine Blogartikel schreibt er immer genau dann, wenn es tatsächlich etwas zu s(chl)agen gibt. In 13 Artikeln hat er sich bisher unmissverständlich für die Belange der professionellen Musikschaffenden eingesetzt und zugleich der gesamten Branche den Spiegel vorgehalten. Mit seiner feinen, authentischen Sprache und quellenfundierten Recherche entlarvt er nicht nur das auf den eigenen Vorteil gerichtete Handeln von Parteien und Konzernen, sondern auch die Bigotterie der mit diesen verbundenen Personen. Außerdem spart er nicht mit konstruktiver Selbstkritik, was ihn umso nützlicher für uns alle macht. Ganz nebenbei vermittelt er in seinen Artikeln dringend notwendiges Hintergrundwissen, das wir in so vielen Diskussionen schmerzlich vermissen. Er verkörpert die Unabhängigkeit ohne Umschweife zu sagen, was sich hinter dem schönen Schein verbirgt, denn er muss niemandem schmeicheln. Der Musikpartisane setzt sich vehement dafür ein, was uns am meisten am Herzen liegt: gute Musik. Nicht zuletzt unterhält er uns köstlich: Seine Artikel sind sprachlich wie inhaltlich ein Genuss für jeden, der mit den Innereien der Musikbranche und den aktuellen Diskussionen ums Urheberecht ein wenig vertraut ist.

Der Name, sein Thema
Sein Name ist wohl gewählt, denn „Partisanen sind (leicht) bewaffnete Kämpfer, die nicht zu den regulären Streitkräften eines Staates gehören. Sie sind Teil einer Widerstandsbewegung in Auseinandersetzungen zur Abwehr von Eroberern, Besatzern oder Kolonialisten. Sie sind nur schwer greifbar, insbesondere aufgrund ihrer oft genauen Ortskenntnis und der Möglichkeit, in der Bevölkerung unterzutauchen.“ (Wikipedia)
Der Musikpartisane schreibt in Anonymität, Garant für seine Unabhängigkeit. Seine Waffe ist das Wort, welches er zum verbalen Widerstand auf dem Feld der Musikwirtschaft einsetzt. Sein Feind sind Interessengruppierungen, die das geistige Eigentum abschaffen wollen, um ihre eigenen macht- und geldorientierten Interessen durchzusetzen. Seine Lanze bricht er immer für die professionell arbeitenden Urheber musikalischer Werke, zu denen er selbst gehört. Er spricht in ihrem Namen und sein Motto lautet: „Wir sind Musik. Wir sind Legion. Wir sind du. Wir sind nicht anonym. Rechnet mit uns.“ In seinem Manifest Wir sind Legion richtet er sich an diejenigen, die glauben wollen, die Kreativen wären unmündige Unterworfene der Musikunternehmen und die digitale Welt würde ihnen allen die Chance bieten, die Vermarktung Ihrer Werke selbst in die Hand zu nehmen, um so den Traum vom direkten Künstler – Musikfan/ -käufer-Kontakt wahr zu machen: „Wenn die digitale Revolution uns Musiker emanzipieren würde von der verfickten Musikindustrie bei gleichen Erfolgschancen – wir wären schon längst gegangen. Was ihr seht sind die wenigen im Rampenlicht, aber die große schweigende Masse im Schatten seht ihr nicht. Die schweigende Masse sind wir. Wir sind nicht länger stumm.“ Gute Musik ist das, was es gegen die Eroberer zu verteidigen gilt. Und gute Musik entsteht durch professionell arbeitende Künstler, die er mit seinen Artikeln nicht nur verteidigt sondern auch wachrüttelt und warnt, sich nicht vereinnahmen zu lassen und ihren Möglichkeiten zur Veränderung zu nutzen.

Sein Stil
Mit seinen bissigen, an Kraftausdrücken nicht armen Texten deckt er das Spektrum von humorvoll über satirisch bis hin zu sarkastisch und zynisch komplett ab. Er ist ein Wortakrobat, der nie danebengreift. Das hängt damit zusammen, dass Sprache bei ihm nie Selbstzweck oder Selbstdarstellungsmittel ist, sondern immer nur dem Thema dient. Und das, obwohl seine Sprache eine ziemlich unverkennbare ist. Oder hat jemand zuvor schon einmal so schöne Ausdrücke wie „die Spackobande von Youtube“, „Genie-Grützel“ oder „Untertagearbeiter aus dem HTML-Steinbruch“ (=Softwareautoren) gebraucht? Will man seine Texte komplett verstehen hilft es, im Tab nebenan das „Neues Wörterbuch der Szenesprachen“ aufzulassen. Seine Texte verlangen vom Leser ein gewisses Maß an Hintergrundwissen und sind sicher nicht zur Aufklärung von User XY geschrieben, die sich dann erfreulicherweise auch einmal aus den Kommentaren fernhalten.

Technik, Feinde, Texte
Der Musikpartisane entlarvt und er wird dabei persönlich. Er zerlegt die fadenscheinigen, auf den eigenen Vorteil gerichteten Argumente von namentlich genannten Personen, die für nach Weltmacht strebende Konzerne (Google) oder nach Wählern gierende Parteien (Die Piraten) arbeiten. Er führt sie gnadenlos mit bissigem Spott vor, um ihre von Doppelmoral geprägten Äußerungen aus Sicht eines professionell arbeitenden Urhebers richtigzustellen. Die Fakten, die er dabei erhellt sind der gesamten Musikbranche förderlich.

Die Piratenpartei hat sich die Aufweichung des Urheberrechts bzw. die Abschaffung des „ekelhaften“ geistigen Eigentums und der „Verwerterindustrie“ deutlich auf die Fahnen geschrieben und geht damit auf Wählerfang. In seinem ersten Artikel überhaupt Facepalm: erst das Handelsblatt, jetzt die Piraten nimmt er die Piratenaktion „101 Piraten für ein neues Urheberrecht“ unter die Lupe, welche die Urhebernähe der Partei suggerieren sollte (und damit ihr Recht, im Namen aller Urheber zu sprechen). Der Musikpartisane enttarnt die allermeisten der 101 Piraten als dilletierende Hobbykünstler oder Softwareautoren und stellt klar, dass sie keinesfalls das Recht haben, im Namen aller Urheber zu sprechen.

In folgenden Artikeln pickt er sich emblematische Figuren der Partei heraus, um ihre politischen Forderungen mit ihren persönlichen Praktiken abzugleichen. Mit Verve gelingt es ihm, deren Bigotterie offenzulegen: Julia Schramm erhält einen ordentlichen Verlagsvorschuß für ihr Buch (Being Julia Schramm), Bruno Kramm lässt die Rechte an seiner Musik von einem Majorverlag vertreten Bruno Kramm, warum bist du eigentlich bei einem Major-Verlag? und Christopf Lauer ist einfach mal mit etwas ganz anderem als dem Urheberrecht beschäftigt, wenn es öffentlich ums Urheberrecht geht Dialog in Zeiten scheibenwischender ADHS-Kultur. Wasser predigen und Wein trinken eben.

Bezüglich der Aufklärung über die interessengesteuerten Machenschaften von Konzernen liegt dem Musikpartisanen zuallererst Google und seine nicht müde werdende Fürsprecherin Jeanette Hoffmann am Herzen: Mit Jeanny Google Hofmann zu den Wurzeln einer Kunstrasenbewegung. Er beschreibt hier Googles Strategie, Internetforschungsinstitute zu finanzieren, deren Forschungsschwerpunkte dann zufällig mit Googles Geschäftsinteressen – der Aufweichung des Urheberrechts – übereinstimmen. Mittels tiefgehender Recherche gelingt es dem Musikpartisanen, den sorgfältig verlegten Kunstrasen von hinten aufzurollen. Ähnliches gilt für den neusten Artikel We promise, we deliver!, in dem er die Seilschaften hinter dem Dreigestirn „Grooveshark – Musicbrainz – Flattr“ offenlegt. Der Verlogenheit, mit der die dort genannten Personen in ihrem eigenen Interesse den Usern vorgaukeln, dass es nun endlich möglich sei, den Musiker direkt und ohne Zwischenschaltung parasitärer Verwerter zu bezahlen, begegnet er mit angemessenem Zynismus.

Auch nicht eben gut davon kommt die GEMA in seinem Artikel  GEMAlicious: Eure Diskos sind unsere Tarife!, allerdings mit einer großen Portion Selbstkritik an deren kreativen Mitgliedern: Wer es als Mitglied versäumt, einmal jährlich zur Wahl zu gehen, um mit seiner Stimme eventuell für frischen Wind in der GEMA zu sorgen, der ist selber Schuld. Und kann weiterhin mit hohem Zeitaufwand versuchen, die desaströse Öffentlichkeitsarbeit der GEMA selbst aufzufangen. Daß der Musikpartisane damit einen Finger in die Wunde legt, wird aus den Kommentaren deutlich: „Respekt. Voll auf die Zwölf. Fühle mich ertappt und gleichzeitig bestätigt.“ Aufruf zur Selbstreflexion? Check. Trotz aller Kritik steht er immer noch hinter der GEMA, sonst wäre er längst ausgetreten und würde nicht detailliert aufzeigen, mit welchen Machenschaften der DEHOGA im Clubtarifstreit erfolgreich die Öffentlichkeit auf seine Seite zieht.

Nur selten geht es explizit um Aufklärung von Fakten wie im Falle des Artikels Nun macht euch mal nicht selbst zum Obst, ihr Software-Autoren! Dort wird uns nebenbei endlich einmal genau erklärt, was der Unterschied zwischen Software-Code und einem künstlerischen Werk ist und warum die Softwareautoren des CCC es ungerechtfertigterweise für legitim erachten, sich mit den Tatortautoren gleichzusetzen; „Warum wollt ihr also euren IT-Way-Of-Life allen anderen im Urheberrecht zusammengefassten Berufsgruppen aufdrücken, ohne einen blassen Schimmer von deren Situation zu haben? RTFM!“

Seine Identität, das Feedback
Die Frage nach seiner wahren Identität ist zweitrangig, aber dennoch offensichtlich für Viele von Interesse. In Gesprächen wird inzwischen häufig darüber spekuliert, wer wohl dahintersteckt und sicher lacht sich der Musikpartisane hinter seinem Pokerface ins Fäustchen, wenn er daneben steht.
Statistisch betrachtet und aufgrund seiner manchmal recht rüden Ausdrucksweise schreibt dort vermutlich ein Mann. Aufgrund seines umfangreichen Wissens über die Funktionsweise des Musikgeschäfts muß es ein langjähriger Profi sein, jemand den vermutlich viele von uns kennen. Sicher ist: Die Kommentare – gesprochene und geschriebene - sind voll des Lobes. Die Antwort es Musikpartisanen auf einen wiederholt ausgesprochenen Heiratsantrag einer Leserin stehen allerdings noch aus. Seine Reichweite wächst stetig und in den einschlägigen Facebookgruppen verbreiten sich seine Artikel wie Lauffeuer. Nun, letztlich ist es egal wer es ist, man möchte Ihm (oder doch Ihr?) nur gerne einmal persönlich die Hand schütteln und Danke sagen für seinen unentgeltlichen Zeitaufwand und sein Talent. Das machen wir hiermit schriftlich!

Tags: Die goldene Indieaxt

Kategorie: Indies