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Indies 22.10.2012

Goldene Indieaxt 2012 - Nominiert: Hard Wax

Im Hard Wax wird tagtäglich vorgemacht, wie ein Plattenladen als Rollenmodell funktionieren kann...

Weniger im Rampenlicht und wie ein unantastbarer Felsen fungiert der Hard Wax-Plattenladen mit dazugehörigen Mailorder und Vertrieb, sowie eng vernetzten Labels und Mastering Studio (Dubplates & Mastering) im Stadteil Kreuzberg und das seit mittlerweile fast 25 Jahren!

Respekt(!) und Danke dafür sagt die Geschäftsstelle des VUT und nominiert das Hard Wax, vertreten durch den Besitzer Mark Ernestus für die Goldene Indieaxt 2012.

Das Hard Wax versteckt sich auf der dritten Etage eines Hinterhauses am Paul-Lincke-Ufer vor der Laufkundschaft. Trotzdem kommen Musik-Nerds aus ganz Europa nach Kreuzberg in den rauen industriellen Loft-Laden, in dem Platten wie Ikonen an der Wand hängen und elektronische Musik eine religiöse Anziehungskraft entwickelt. Der Flur und die Panzertür zum Hard Wax lesen sich wie ein Gästebuch. DJs und Produzenten haben sich hier mit Stickern und Tags verewigt.

In dem Plattenladen kann der Musiktourist vor lauter DJ-Prominenz schon mal Schwellenangst bekommen. Schon immer rieb man sich hier die Schulter mit dem "who is who" der nationalen und internationalen House- und Techno-Szene.  Ladenmanger Torsten Pröfrock bemerkt: „Ein explizites Werben mit Namen, das macht man nicht, das ist ein bisschen unredlich.“ Dennoch kann man den Einfluss des Record Stores kaum überbewerten: Das Hard Wax und Berlins elektronische Community bilden in unzertrennlicher Symbiose Berlins Club-Biotop. Nicht zuletzt liegt das an den zurzeit knapp 10 Mitarbeitern des Hard Wax,  sie jobben hier nicht einfach, sondern sie sind eng mit der Musikszene verzahnt. Drei Viertel der Hard-Wax-Mitarbeiter sind im Nebenberuf Produzenten oder DJs. Einige heute bekanntere Künstler, wie z.B. Cassy, Gernot von Modeselektor oder Marcel Dettmann verkauften hier vor nicht allzu langer Zeit Platten. Torsten Pröfrock zählt zu Berlins innovativsten Techno-Produzenten, und Mark Ernestus gründete zusammen mit Moritz von Oswald in den 90ern mit Basic Channel und Chain Reaction zwei einflussreiche Techno-Labels.

Das Hard Wax setzt nicht unbedingt auf etablierte Stile. Was hier ausgewählt wird, kann aber Trends zwischen Techno und Dubstep befördern. Es ist ein ehrlicher, kein protziger Laden. Innovatives wird hier mit Nostalgischem vermählt, vielleicht ist der Laden gerade deshalb eine Institution.

Das Hard Wax war und ist das perfekte "Rollenmodell" für unabhängige Plattenladen in Deutschland und darüber hinaus.

Von Mark Ernestus 1989 gegründet, ist das Hard Wax, einer der Hauptwegbegründer für den Aufstieg Berlins zur Stadt des Techno. Seitdem ist es Anlaufstelle für Musikliebhaber elektronischer Musik von Techno/House, Disco bis hin zu Dubstep. Berühmt ist das Hard Wax aber auch für seinen großen Dub- und Reggae-Backstock, welcher in Verbindung mit dem ebenfalls zeitweise im Hard Wax gelagerten Killasan Soundsystem, jamaikanischer Bauart aus dem japanischen Osaka kommend, schon aufzeigt, welchem  historischen Bewusstsein man sich besonders verpflichtet fühlt: nämlich der Wurzel aller Dance bzw. Bassmusik, der jamaikanischen Soundsystemkultur.


 
Der Einfluss und die Impulse, die vom Hinterhof am Paul Linke-Ufer ausgingen und gehen, können nicht überbewertet werden, ob in der Stadt selber oder weltweit. Als „Hard Wax – Black Music/ An- und Verkauf“ gestartet, dauerte es nicht lange, bis man Verbindungen in die USA aufgebaut hatte und somit die frühen und wichtigsten Chicago-House und Detroitplatten, die damals noch erhältlich waren, nach Berlin holte. So entwickelte sich überhaupt erst eine richtige Technoszene, teilweise auch aus dem Laden heraus. So wie heute drei Viertel der Mitarbeiter des Hard Wax auch DJ`s und Produzenten im Nebenberuf sind und im Berghain auflegen oder auf dem angeschlossenen Label Ostgut Ton veröffentlichen, so war auch in der Anfangszeit eine direkte Vernetzung zum legendären Tresor und anderen Clubs vorhanden und es wurden in regelmäßigen Abständen DJ`s & Produzenten aus Übersee eingeflogen. So geht die für die Geschichte des Techno wichtige Tangente, der Austausch zwischen Detroit und Berlin, auch direkt durchs Hard Wax.

Und auch heutzutage, wenn man die Geschichte des Ladens betrachtet, scheint es nur logisch, dass auch Dubstep von Anfang an im Laden geliebt und gepusht wurde, Shackletons Releases auf Skull Disco, im Gegensatz zu vielen Läden in London, von Anfang an zu haben waren, und auch Scuba über das Hard Wax-Umfeld mit seiner Sub:Stance-Veranstaltung im Berghain Fuß fassen konnte. So kann man auch sagen, dass eine weitere Achse zwischen Berlin und Bristol/London geschlagen wurde, welche die Vermählung von Dubstep und Techno befördert(e).

Vor allem aber die Gründung der Techno Labels Basic Channel (1993) und Chain Reaction (1995) von Mark Ernestus und Moritz von Oswald ist als Meilenstein anzusehen, gerade Basic Channel gilt als eines der wichtigsten deutschen Labels der 90er Jahre und wird heute von so vielen Produzenten als Referenz angegeben. Mit ihrem reduzierten Minimal Techno der Detroiter Schule, welcher mit dubtypischen Basslinien, Hall-, Delay - und Rauscheffekten versehen wurde, beeinflussten sie Tanz-Musik zwischen Detroit und  Berlin maßgeblich und sind mit ihrer Soundästhetik gerade heute im House/Techno nicht mehr wegzudenken. All ihre Labels gelten heute als Klassiker. Seit den späten 90ern arbeiteten sie als Rhythm & Sound und Burial Mix regelmäßig mit Reggae-Vokalisten zusammen, die den elektronischen Rhythmus- und Bassflächen eine weitere Schicht an Seele hinzufügen. Die ausgefeilte, erfrischende Ästhetik des Techno gibt den Stücken eine Tiefe, wie sie im Dub sonst kaum zu hören ist. Seit den Main Street-Veröffentlichungen 1995 kooperierte der aus der Karibik stammende Tikiman a.k.a. Paul St Hilaire immer wieder mit Ernestus und von Oswald. Mit seiner Stimme hat er nicht unwesentlich zur Magie von Rhythm&Sound beigetragen. Ernestus und von Oswald haben sich zudem um die Wiederveröffentlichungen des Wackies Kataloges verdient gemacht. Ernestus betreibt gemeinsam mit Mark Ainley von Honest Jon's das Reggae-reissue Label Dug Out und arbeitet weiter an eigenen Produktionen, zuletzt auf seinem neuen Label Ndagga, sowie gelegentlichen Remixen.

O-Töne:

Geschäftstelle des VUT:  Dein Laden, richtig ?
Mark Ernestus: Nach wie vor

Geschäftstelle des VUT: Wann haste den aufgemacht und warum ?
Mark Ernestus:  Ende 89, kurz vor Mauerfall. Weil ich dachte WOM und Pinky - das kann's für West-Berlin (war es ja  noch) nicht gewesen sein an Plattenläden die überhaupt Clubmusik verkaufen.

Geschäftstelle des VUT:  Was für ein musikalisches Profil hat der Laden ?
Mark Ernestus: In groben Genrekategorien ausgedrückt würde man wohl sagen Techno, House, Dubstep, Dub. Wichtig ist aber nicht die Breite des Angebotes innerhalb des jeweiligen Bereiches, sondern die Tiefe, also möglichst cutting edge zu bleiben und sich auf möglichst essentielle Platten zu konzentrieren.

Geschäftstelle des VUT: Welche Vision steht dahinter ?
Mark Ernestus: Schwer in eine Antwort zu fassen

Geschäftstelle des VUT: Wieviele Leute arbeiten denn aktuell im Hard Wax ?
Mark Ernestus: Um die 10

Geschäftstelle des VUT: Wie groß ist der Laden und wieviele Platten sind ständig im Laden ?
Mark Ernestus: ca. 200qm, Größenordung 5000 Titel

Geschäftstelle des VUT: Verhältnis Mailorder/Laufkundschaft ?
Mark Ernestus:  Mailorder mehr als die Hälfte

Geschäftstelle des VUT: Verhältnis physisch/digital in Verkäufen ?
Mark Ernestus: Zu früh zu sagen, digital füllen wir ja erst langsam mit content auf. Natürlich nehmen Digital-Verkäufe und Laptop-DJing überall zu, aber gleichzeitig sehe ich bei uns Vinyl nicht weniger werden, im Gegenteil. Wir haben Downloads schon lange als logische Erweiterung für unseren Webshop gesehen. Viele Leute wollen doch Heute beides haben, Digital und Vinyl. Aber hier noch mal gesagt für alle die sich Sorgen machen: wir bleiben ganz ganz primär ein Vinyl Laden.

Geschäftstelle des VUT: Bestverkaufteste Platte ? Welche und wieviele verkauft ?
Mark Ernestus: Viele (meistens der bei Hard Wax exklusiven Labels) im mittleren 4-stelligen Bereich, natürlich dann mit Großhandel. Nur Laden und Mail Order viele im oberen 3-stelligen Bereich.

Geschäftstelle des VUT: Wie wird das Hard Wax in 5 jahren aussehen ?
Mark Ernestus:   ...

Geschäftstelle des VUT: Mit welchem Format legst Du selber auf und warum ?
Mark Ernestus: Am liebsten natürlich Vinyl, aber wenn ich fliegen muss meistens Serato (oder wenn ich Sachen spielen will, die es nicht auf Vinyl gibt)

Zitat:De-Bug:

Thaddeus Herrmann:  Das ist für mich auch das Alleinstellungsmerkmal vom Hard Wax: Platten, die man bei Euch zuerst findet.
Mark Ernestus: Das gilt aber allgemein für hochspezialisierte Plattenläden. Die werden von Musikjunkies gemacht und nicht von Betriebswirten. Aber natürlich muss auch das Umfeld stimmen. Ich erinnere mich an die Zeit, als die Explosion von Techno schon etwas weiter vorangeschritten war. In dieser Phase konnten wir den Laden nur noch begrenzt inhaltlich steuern, weil wir regelrecht von der Nachfrage überrollt wurden. Erst als weitere Läden aufmachten, hat sich das etwas sortiert. Man muss sich eines bewusst machen: Wenn ein Genre richtig groß wird, kann ein Laden auf unserem Level nicht nachhaltig daran teilhaben, auch wenn man die Musik vielleicht mit als Erster verkauft hat. Denn der kommerzielle Erfolg bedeutet auch den Umschwung auf die CD und damit neue Vertriebswege, die völlig anders funktionieren als das Vinyl-Business. Kettenläden, Preiskampf, Massenrabatte … da werden die Spielregeln dann wieder von Betriebswirten gemacht und eben nicht von Musikjunkies, da haben wir nichts zu melden.

 Carl Craig im Hard Wax 2011

Interview der De-Bug mit Mark Ernestus & Torsten Pöfrock zum 15 jährigen Geburtstag des Hard Wax

http://de-bug.de/mag/3582.html


Tags: Die goldene Indieaxt

Kategorie: Indies

Hardwax Berlin:

Adresse:
Paul-Lincke-Ufer 44a
10999 Berlin
Germany

E-Mail: mail@hardwax.com
Tel: +49 -30 -611 301 11
Fax: +49 -30 -611 301 99
opening hours: Mo-Sa 12.00 - 20.00
www.hardwax.com


Angebot: neue und gebrauchte Schallplatten, eine kleine Auswahl an CDs, Merchandising
Musikrichtung: Techno, House, Dubstep, Reggae, Dub
Mailorder Service: Ja

Mark Ernestus - owner:

Party Reihe: Wax Treatment:

 

Mark Ernestus neues label: Ndagga