VERBAND UNABHÄNGIGER MUSIKUNTERNEHMEN E.V.
ACT UNITED - STAY INDEPENDENT
Indies 29.10.2012

„Gute Gastgeber verstehen die Kunst, jedem Gast das Gefühl zu vermitteln, dass er besonders willkommen ist.“

Nominiert für die goldene Indieaxt 2012: Die SoundTrack_Cologne und stellvertretend für diese die drei Gründer und Veranstalter Matthias Hornschuh, Matthias Kapohl und Michael P. Aust

Lesen Sie folgend:
Die Menschen dahinter - Die Hintergründe - Das Interview

Die Begründung


Der 2. Nominierte für die goldene Indieaxt 2012 ist ein Festival und Kongress, die SoundTrack_Cologne. Die SoundTrack_Cologne besetzt eine Leerstelle in der deutschen Musik- und Veranstaltungslandschaft. Sie stellt die Musik und ihre Erschaffer, die Komponisten, konsequent in den Mittelpunkt ihres Programms und schafft damit bei den Protagonisten selber ebenso wie bei Produzenten, Medien und Publikum ein neues (Selbst-)Bewusstsein für Filmmusik aus „deutscher Feder“. Die Begeisterung der Macher für die Sache springt über, schon beim Lesen des Programms schlägt das Herz jedes Musikfilmfans höher.

Aus dem Blickwinkel der Komponisten beschäftigt sich die SoundTrack_Cologne mit den wirtschaftlichen, künstlerischen, technischen und rechtlichen Positionen der aktuellen Debatte. Damit schaffen sie in Deutschland eine der wenigen Gelegenheiten, sich der Urheberschaft in der Musik mit dem Fokus auf Professionalität und Kreativität des individuellen Komponisten zu nähern, anstatt das Bild des armen Künstlers oder des Musikers als Produkt zu zeichnen.

Die SoundTrack_Cologne macht damit diejenigen sichtbar, die wir selten zu sehen bekommen, die aber unser Film-, Fernseh- und Spieleerlebnis maßgeblich mitprägen. Diejenigen, über die in der verfahrenen Debatte um Urheberschaft, Urheberrecht und Einkommensmodelle viel geredet wird, aber die viel zu selten eingeladen werden, für sich zu sprechen. Diejenigen, die die Musik erschaffen, die wir alle so sehr lieben - die Urheber.

In einer Zeit, in der es nicht mehr selbstverständlich ist, dass die Arbeit von Komponisten und Musikern von den Nutzern ihrer Werke zu vergüten ist, zeigt die SoundTrack_Cologne, dass echte Menschen hinter der Musik stecken und wie und wofür sie arbeiten und leben.

In einer Zeit, in der Musik mehr Bedeutung hat als je, für jeden einzelnen von uns, aber auch für Film- und Fernsehmacher, Gamesproduzenten, Radiogestalter, Digitalvertriebe, Onlineplattformen und Hardwarehersteller baut die SoundTrack_Cologne Brücken in die Welt der Musik und Musikschaffenden, von denen wir hoffen, dass sie eigenständiger, selbstbewusster und stärker werden als sie es jemals waren.

In einer Zeit, in der die Kreativen aller Branchen rund um die Urheber und Musiker näher zusammenrücken müssen, um notwendige und zwangsläufige Veränderungen glaubhaft und pointiert zu kommunizieren, bietet die SoundTrack_Cologne Komponisten, Verbänden und Institutionen ein Forum, das es ihnen ermöglicht, mehr Menschen aktiv in die Erarbeitung und Kommunikation von Positionen einzubinden.

Und das wichtigste ist: sie vergisst dabei nie, dass wir alle auch neugierige Musikenthusiasten sind, die Neues kennenlernen und Prozesse verstehen wollen. Das ist zugleich mutig, unkonventionell und wirksam und damit eine klar verdiente Nominierung für die Goldene Indieaxt. Chapeau!

Die Menschen dahinter: Die drei Gründer und Programmacher
Michael P. Aust, Matthias Kapohl und Matthias Hornschuh

Michael P. Aust

Dipl.-Kfm. · Geschäftsführer und Produzent TELEVISOR TROIKA GmbH. Geb. 1965. Ausbild. Bankkfm. Studium BWL, TheFiFe, Kunstgeschichte. 1993 Gründung Televisor: Kultur-PR, Veranstaltungen, Filmproduktion. TV-Produktion + -Redaktion für RTL, WDR, 3SAT. (Ko-)Produzent von 15 Spiel- und Dokumentarfilmen (u.a. 101 Reykjavik, Jade Warrior, Stolperstein, Low Lights, Parallax Sounds). 1992 Leitung Medienkunstfestival DuKunst, 1994 Kurator Ausstellung Klangvisionen, seit 2004 Leitung SoundTrack_Cologne, seit 2007 Leitung StadtKlangNetz Konferenz. 2011 Kurator The Art of Pop Video, MAKK Köln.

Matthias Hornschuh

(1968) lebt und arbeitet als als freischaffender Komponist für Film, TV, Radio in Köln. Der ausgebildete Musiker und studierte Musikwissenschaftler engagiert sich als Hochschuldozent und Autor, als Programmleiter der SoundTrack_Cologne und im Vorstand von mediamusic e.V. | berufsverband medienmusik.

Filme und Hörspiele mit Musik von Matthias Hornschuh sind auf unzähligen nationalen und internationalen Festivals gelaufen, darunter die Festivals von Cannes, Berlin, Locarno, Warschau, Karlovy Vary, Ghent, die Wettbewerbe von Saarbrücken, Hof, München, Hamburg, Dresden, Oldenburg und Biberach, sowie das AFI Fest in Los Angeles, und haben weltweit rund 70 Auszeichnungen erhalten. Im deutschen TV lief Hornschuh-Musik auf allen ARD-Anstalten, im ZDF, bei Sat1, Pro7, RTL, Arte, 3Sat, Phoenix uvm.

Matthias Hornschuh wurde gemeinsam mit seinem Bruder Andreas ausgezeichnet mit dem Europäischen Förderpreis der GEMA, AKM, SACEM und Fondation SUISA bei der 4. Int. Filmmusik Biennale Bonn 2002 (für eine Komposition zu dem Kurzfilm JUST IN TIME von Kirsten Winter) sowie für den BEST ORIGINAL SCORE 2008 beim 24fps-Festival (Abilene, USA) für den Orchesterscore zum Animationsfilm DELIVERY (D 2005).

Hornschuhs jüngste Arbeit, die Musik zu Stefan Herings Spielfilm ABSEITSFALLE, hatte soeben ihre Premiere auf den Internationalen Filmtagen in Hof und wird im Frühjahr 2013 im Kino zu hören seinin.

Matthias Kapohl

geboren 1972, ist freischaffender Hörspielregisseur, Autor und Bearbeiter. Seine Arbeiten wurden ausgezeichnet u.a. von der Akademie der darstellenden Künste in Frankfurt und mit dem CNN Journalist Award. Zahlreiche Romanbearbeitungen und Originalhörspiele, u.a. "CYBERCHONDER" mit Musik von A. und M. Hornschuh, "KAROSHI - Arbeite Dich tot", "Alle meine Freunde sind Superhelden" etc., Inszenierungen von Lesungen und Radiodokumentationen.

Nach dem Studium der Germanistik, Soziologie und Theaterwissenschaft folgte 2001 bis 2004 die Koordination der Internationalen Filmmusik Biennale Bonn. 2004 Initiator und Gründer der Veranstaltung zu Ton und Musik in den Medien „SoundTrack_Cologne", seitdem gemeinsam mit Matthias Hornschuh und Michael P. Aust einer der drei Programmleiter.

Etwas im Hintergund, aber wie bei allen Produktionen in allen Phasen der Produktion unverzichtbar, deshalb deutlich hervorgehoben von allen Dreien: Dagmar Niehage, Head of Production and Finance

Für die Kuratierung von Festival und Kongress holen die Drei sichKnowHow aus allen Richtungen dazu. Bereits seit einigen Jahren ist Tasja Langenbach, Leiterin der Videonale Bonn, mit verantwortlich fürs Filmprogramm, seit diesem Jahr werden sie auch von Johannes Klein von In-Edit aus Barcelona unterstützt, seit 2010 steuert Helge Borgarts Expertise fürs GAMES-Programm bei und in diesem Jahr erstmals Lothar Segeler für den Schwerpunkt TONGESTALTUNG. Auch die Verbände werden einbezogen.

Die Hintergründe:

Manche Ideen liegen wohl einfach in der Luft. Wenn dann noch die richtigen Menschen zum richtigen Zeitpunkt zusammenkommen und sie ergreifen, dann kann etwas Großartiges daraus werden. So war es wohl auch, als die drei „M’s“, Matthias Kapohl, Matthias Hornschuh und Michael P. Aust zusammentrafen und die Idee eines kuratierten Festivals und Kongresses für Musik in Film und Medien in Form der SoundTrack_Cologne geboren wurde. Als die Internationale Filmmusik Biennale in Bonn, die Matthias Kapohl koordiniert hatte, eingestellt werden musste, war klar: das Thema Filmmusik benötigt auch weiterhin ein eigenes Format und soll nicht unter ferner liefen auf anderen Filmfestivals stattfinden. Gesagt, getan. Nur zwei Monate nach dem Entschluss fand die erste Ausgabe der SoundTrack_Cologne statt. Rückblickend, sagt Matthias Hornschuh mit einem Augenzwinkern, war die Gründung „alternativlos“.

Nach einiger Beschäftigung damit, warum nun gerade diese Veranstaltung unser Herz besonders erwärmt, glauben wir, dem Geheimnis der Anziehungskraft auf die Spur gekommen zu sein.

Dass die drei unter Mithilfe von Verbänden, Experten aus Musik, Produktion, Film+TV und Games die spannendsten aktuellen Verbindungen aus Film/Medien und Musik aus der Vielzahl von Projekten des vergangenen und laufenden Jahres heraus greifen und einem gemischten Publikum aus Enthusiasten und Professionellen vorführen, ist für sich alleine genommen noch kein unvergleichlicher Vorgang. Dass sie hierbei durchaus auch auf Prominenz setzen, diese aber niemals den Ausschlag dafür gibt, eine Einladung auszusprechen, hebt sich wohltuend von anderen Kongressen und Festivals ab.

Dass sie es verstanden haben, sowohl die Szene, als auch Institutionen und Universitäten aus Köln und NRW einzubinden und ein stetig wachsendes nationales und internationales Netzwerk zu spinnen, wodurch sie ganz nebenbei die beste Werbung für den Standort machen, ohne sich vereinnahmen zu lassen, ist ein kleines Kunststück, aber es gibt andere Veranstaltungen, die das auch irgendwie schaffen.

Unser Respekt gilt den drei Machern dafür, dass sie es auch in der 9. Ausgabe immer noch selber sind, die die Fäden in der Hand halten und das laufend vielfältiger werdende Geschehen planen und kuratieren, während sie gleichzeitig ihren Berufen als Komponist, Hörspielregisseur und Produzent/PR-Profi nachgehen. In Anbetracht der Größe, die die SoundTrack_Cologne mittlerweile erreicht hat, war dies für uns wirklich überraschend und überaus sympathisch. Dass dabei auch schon mal ein Auftrag ihrer Hauptprofession hintan stehen muss, obwohl sie damit unbestritten mehr für das eigene Konto tun würden, als durch die Organisation der SoundTrack_Cologne, unterstreicht die Begeisterung und gleichzeitige Ernsthaftigkeit, mit der sie jedes Jahr in Folge wieder an das Projekt herangehen.

Was die SoundTrack_Cologne aber als letzten und vielleicht insgeheim wichtigsten Baustein wirklich herausstechen lässt ist, dass die Veranstalter echte Gastgeber sind, die die Kunst verstehen, jedem Gast das Gefühl zu vermitteln, dass er besonders willkommen ist. Denn besonders willkommen fühlt sich wohl jeder auf der SoundTrack_Cologne. Die jungen Talente, die hier zum Teil ihre Debutchance vor professionellem Publikum erhalten, ebenso wie die geladenen teils sehr namhaften Komponisten, die kommen, um ihre Filme vorzustellen und zu kommentieren. Die Festivalbesucher ebenso wie die Mitgestalter des Kongresses. Die Teilnehmer am  Peer Raben Music Award ebenso wie die Gäste der Konzerte und des Filmprogramms und selbst auf eher obskuren Gamingseiten findet man noch hoch erfreute Einträge über die diesjährige mittlerweile doppelt ausverkaufte Aufführung von Gamesmusik unter dem Titel „East meets West“ mit dem WDR Rundfunkorchester und -chor...

So gut kann es laufen, wenn alle gemeinsam am richtigen Ende ziehen. Auch die nicht unbedingt immer in kuscheligem Konsens vereinten Komponistenverbände sind auf der SoundTrack_Cologne stets 1. alle und 2. gemeinsam vertreten.

Dass sie sich persönlich mehr als Gastgeber denn als Veranstalter empfinden, jeden Besucher am Liebsten selber begrüßen möchten, über das professionelle Netzwerken hinaus, Begegnungen und Verbindungen schaffen wollen, die in die Zukunft wirken, dass sie einen Auftrag verspüren, das Unsichtbare, die Komposition, die Profession und die Menschen dahinter sichtbar zu machen und dadurch das gesamte Segment zu fordern, zu fördern und nach vorne zu bringen – das ist im deutschen Festivalgeschehen derzeit einmalig. Die SoundTrack_Cologne hat sich zu einem echten Sprungbrett für die gesamte Branche entwickelt, die jahrelang im Schatten amerikanischer und britischer Komponisten stand und erst in den letzten Jahren das Selbstvertrauen entwickelt, zu diesen ernsthaft in Konkurrenz zu treten.

Das Interview

Die drei „M“ haben sich dankenswerter Weise die Zeit genommen, uns einige Fragen zu beantworten. 

VUT: Das 9. Mal SoundTrack_Cologne – warum macht Ihr das?

Matthias Hornschuh: Ganz ehrlich: Das frage ich mich auch manchmal ... Und dann drängen sich wieder wichtige Fragen in meinen Kopf, stehen mir spannende Themen auf den Füßen und schreien Konflikte und Auseinandersetzungen nach Vermittlung und Ausgleich: Dann weiß ich wieder, warum ich meinen Teil mache. Mal davon abgesehen, dass es unglaublich befriedigend ist, in zufriedene, euphorische, angeregte, dankbare Gesichter zu sehen, wenn die Veranstaltung stattfindet.

Matthias Kapohl: Weil die Gründungs-Idee immer noch akut ist: Zeigen, dass es sich lohnt, wenn Filme-/Medien-macher frühzeitig an den Ton und die Musik in ihren Produkten denken, nicht erst in der Postproduktion. Das hat qualitative Auswirkungen auf das Produkt aber auch wirtschaftliche Konsequenzen für die Produktion. Auch das Publikum soll merken, dass es sich lohnt, wenn ein Film gute Musik kriegt, und wenns das Publikum merkt und will, dann merkts auch der Produzent und schliesslich wird der Musik mehr Stellenwert im Produktionsprozess eingeräumt.

Außerdem: Leute vernetzen, die sich brauchen aber gar nicht wissen, dass es den/die andere gibt. Und sich hinter freuen, wenn man mit SoundTrack_Cologne mal wieder für tolle Kooperationen zwischen vorher einsamen Individuen gesorgt hat, z.B. zwischen einem Regisseur aus Schweden und einem Komponisten aus Litauen, die sich sonst nie im Leben getroffen hätten obwohl sie Brüder im Geiste sind.

VUT: Auf den Musikfestivals mit angeschlossenem Kongress hat man ja schon seit Jahren das Gefühl, dass die Bands, die dort spielen eher aus Vermarktungsgründen als aus Respekt vor ihrer Musik oder professioneller Entdeckerfreude gesetzt werden. Wenn ich Euer Programm sehe, denke ich hingegen immer: ach was haben sie wieder Spannendes ausgegraben. Wie wichtig ist es, dass die Filmreihen kuratiert werden?

Michael P. Aust: Das Filmprogramm gibt es ja erst im fünften Jahr. Es funktioniert wie ein eigenständiges kleines Filmfestival, fokussiert sich aber vor allem auf Dokumentarfilme über Musik. Wir versuchen natürlich den Ansprüchen eines Festivals zu genügen: tolle Filme zeigen, die noch keiner kennt. Ein Musikfilmfestival ist dabei schwieriger zu programmieren als ein „normales“ Filmfestival: Regiestars gibt es nicht, Schauspieler auch nicht und eine coole Band macht nicht automatisch einen Film, den man 90 Minuten sehen möchte.

Es zählt also zuerst mal die filmische Qualität. Dann muss auch ein Abend in sich stimmig sein, und die parallel laufenden Programme sollten sich bei ihren Musik-Zielgruppen nicht überschneiden. Mancher wirklich gute Film, den wir gerne hätten, will seine deutsche Festivalpremiere lieber auf einem der dicken Filmfestivals machen. Manchmal scheitert man auch am Geld - es gibt Weltvertriebe, die wollen 2.000 Euro für einen Film, der einmal in einem 100- Platz Kino laufen soll... Das ist also ein echter Fight – in diesem Jahr haben wir sogar sieben Deutschlandpremieren und eine Weltpremiere im Angebot. Und eine sensationelle Retro des niederländischen Musikfilm-Regisseurs Frank Scheffer.

VUT: Ihr arbeitet sowohl mit Film und TV Branche als auch der Games Branche ganz eng zusammen. Wieso klappt bei Euch, was bei anderen mit vergleichbarem Ziel einfach nicht so richtig funktionieren mag?

Michael P. Aust: Matthias Hornschuh kommt aus der Musik, Matthias Kapohl vom Sender, ich selber habe meinen Hintergrund in Filmproduktion und Filmmarketing, Dagmar Niehage, unser Head of Production and Finance, ist ebenfalls Filmproduzentin und hat als Postproduction Supervisor gearbeitet, Helge Borgarts, der die Games-Themen betreut, ist Geschäftsführer der Phenomedia und Komponist. Es spiegeln sich also die unterschiedlichen Denkweisen und Usancen der Branchen schon im Team wieder. Wir diskutieren manchmal vielleicht etwas mehr untereinander, aber wir lernen dafür auch selber ständig dazu.

Matthias Hornschuh: Wir kommen ja alle aus dieser Schnittmenge, dem „Geschichtenerzählen mit Musik“, müssen sie also nicht konstruieren, um irgendeine gegebene Veranstaltung um einen sexy Zusatzaspekt zu ergänzen. Entsprechend sind auch unsere Netzwerke die, die diese Thematik abbilden. Mit andern Themen fiele es uns womöglich schwerer. Das mag auch etwas mit Selbstbewusstsein zu tun haben: Das haben wir.

Hinzu kommt schließlich, dass wir seit dem ersten Jahr versucht haben, die Coolnessfalle zu umgehen: Wir bewegen uns stets irgendwo auf einem schmalen Grat zwischen nerdiger Ernsthaftigkeit, akademischer Pedanterie und hemmungslosem Spaß an allem, was passiert. Wenn dabei das Niveau stimmt: super. Wenn es mal Ausrutscher gibt (und die gibt es), dann ärgern wir uns, lassen uns aber den Spaß am gelungenen Rest nicht vermiesen. Wir umgeben und gerne mit den Großen unseres Fachs, sind aber aufrichtig uninteressiert an Prominenz als Selbstwert – und daher schaffen wir es in aller Regel, dass bei uns alle Teilnehmer auf Augenhöhe miteinander umgehen können. So zumindest meine Einschätzung.

VUT: Wie wichtig ist die Zusammenarbeit mit der Universität?

Matthias Kapohl: Unser Programm verfolgt ganz klar den Ansatz: Je früher, je besser. Damit ist gemeint, dass junge Leute/Studierende an den Unis in Europa, gerade wenn wir über die Bereiche Komposition und Ton reden nur selten aus ihren Laboren an der Uni rauskommen. Im besten Fall mit einer Filmhochschule kooperieren oder an eine angeschlossen sind. Alle Länder Europas promoten im Filmbereich auf maximale Weise ihren Regienachwuchs. Der Kompositionsnachwuchs geht da völlig unter. Bei uns kriegen sie einmal im Jahr ihre wohlverdiente Bühne. Je früher ein Regisseur lernt, dass er von einer guten Kooperation mit einem Komponisten – inklusive geglückter Kommunikation – nur profitieren kann – umso besser für seine Filme, umso besser auch für den Komponisten. Die jungen Leute müssen das früh begreifen, noch bevor sie die Uni verlassen. Da setzen wir mit Workshops und Cross Media Pitchings an.

Zusammenarbeit mit Universitäten bedeutet momentan leider immer noch: Die Unis kriegen Input von uns. Weniger umgekehrt. Aber dafür sind wir ja da.

VUT: Was wäre das Beste was der SoundTrack_Cologne passieren könnte?

Matthias Kapohl: Eine Stiftung, die endlich erkennt, was wir eigentlich leisten, und uns auf Lebenszeit fördert. Dann könnte Programm noch toller werden (– geht das?). Und: Jemand der sämtliche Reisekosten unserer Nachwuchskomponisten übernimmt!

Matthias Hornschuh: Der Programmmacher sagt: Wenn es so weiter geht, dass unsere Veranstaltung in der Szene in Hollywood und ganz Europa per Mundpropaganda weiterempfohlen wird, dann werden wir auf absehbare Zeit keine Probleme haben spannende Gäste mit interessanten Themen heranzuschaffen. Das Beste ist ein gutes Programm – und das hängt an Personen und Themen und nicht (in erster Linie) am Geld.

Der Funktionär sagt: Wir leiden unter der zunehmenden Umzingelung ähnlicher Veranstaltungen, die teilweise deutlich besser ausgestattet sind. Insofern brauchen wir definitiv mittelfristig ein höheres und vor allem ein sicheres Budget, denn nach wie vor ist das alles 1. kaum und 2. nur selbstausbeuterisch zu stemmen.

Michael P. Aust: langfristig gesehen wäre es natürlich toll, wenn wir vom Land NRW und der Stadt Köln als Institution gefördert würden und nicht jedes Jahr bei Null anfangen  müssten – ein Dauerdrama: der städtische Haushalt ist nicht verabschiedet, der Landeshaushalt in diesem Jahr ebenfalls nicht, also zittern wir immer bis zur letzten Sekunde um Förderbescheide. Nächstes Jahr soll es ähnlich werden.

VUT: Wie wichtig ist es Euch, die Eintrittspreise niedrig zu halten und warum?

Matthias Hornschuh: Es ist uns ein Anliegen, dass alle Interessierten eine Chance haben teilzunehmen. Sonst hat all die Mühe keinen Sinn, zumal man anhand des Eintritts eine solche Veranstaltung ohnehin nicht seriös finanzieren kann.

VUT: Und wie wichtig ist es Euch, „unabhängig“ zu agieren?

Matthias Hornschuh: Da wir das alles aus Begeisterung machen, sind wir an der Stelle schlecht erpressbar. Sicher gibt es vereinzelte Versuche der Einflussnahme und ganz sicher wehren wir uns dagegen. Das war bei uns aber insgesamt noch nie ein ernsthaftes Thema.

VUT: Ihr arbeitet mittlerweile auch zwischen den einzelnen Ausgaben unter der Überschrift „SoundTrack_Cologne. Da wäre zum Beispiel der „German Film Music Day“ in Cannes zu nennen. Wird es so einen Tag noch mal geben? Wie wird der Tag aufgenommen von den Besuchern des Filmfestivals? Wie nutzt er den Komponisten? War es schwer Herrn Neumann davon zu überzeugen, den Tag im Jahr 2012 zu eröffnen? Und wie steht es mit Venedig und Berlin?

Michael P. Aust: Mit dem Projekt geht es hoffentlich weiter, wir haben gerade einen Antrag bei der Initiative Musik liegen, es wäre schön, wenn der VUT- Vertreter im Vergabegremium den unterstützen würde...

Wir haben den Eindruck, dass die Veranstaltung in Cannes sehr sehr gut funktioniert. Sie hilft uns und den deutschen Komponisten sehr, sich zu vernetzen auf Top-Niveau. Erstaunlicherweise vielleicht sogar am stärksten bei unseren eigenen Landsleuten in der Filmproduktionslandschaft, für die das Cannes Filmfestival so ein klein wenig die Rolle spielt wie der Golf-Club in anderen Branchen.... Herrn Neumann zu gewinnen war natürlich sensationell, wir haben es ihm aber vielleicht auch nicht allzu schwer gemacht durch das richtige Timing des German Film Music Day und durch hochkarätige Branchenvertreter, denen er dort begegnen konnte.

Matthias Hornschuh: Cannes ist zudem noch viel stärker in den europäischen Kontext eingebunden über die Kooperation mit den europäischen Filmkomponistenverbänden die zu FFACE gehören – also ein Baby, das wir mit den dt. und europ. Komponistenverbänden gemeinsam haben & pflegen. Auch das mag eine Rolle spielen.

Michael P. Aust: In Venedig wäre aus meiner Sicht insgesamt zu wenig Business, um den Aufwand einer Veranstaltung zu rechtfertigen. Die Berlinale ist sicher das geeignetere Umfeld und man kann da sicher auch einfacher arbeiten als in Cannes, aber die Berlinale liegt leider sehr nah an unserem November-Termin. Und danach sind unsere Batterien dann doch sehr leer, andererseits kämpfen wir im Januar/Februar auch immer unseren Kampf mit Förderabrechnungen und den Neuanträgen, da ist das Team dann schlicht zu klein. Wir werden aber dennoch eine kleine Veranstaltung zum Netzwerken auf der Berlinale 2013 machen.

VUT: Gibt es aus Euer Sicht noch eine vergleichbare Veranstaltung in Deutschland?

Matthias Hornschuh: Nein. Nicht in dem Umfang & der Internationalität, nicht so sehr aus der Szene heraus und nicht mit der selbstverständlichen Durchdringung verschiedener Kategorien (Film – Musik) und Ansprüche (E – U, Kunst – Kommerz etc.). Aber es gibt natürlich ernstzunehmende Veranstaltungen, die sich des gleichen Themenfelds annehmen. Einige davon sind Kooperationspartner, etwa filmtonart (BR) oder das Filmfest in Braunschweig.

VUT: Wie schätzt Ihr den Stellenwert von Film- und Gamesmusik für den gesamten Musikmarkt ein?

Matthias Hornschuh: Puh. Schwer zu sagen ... Ich glaube, dass das ein willkommener durchlaufender Posten ist, aber keiner, der – jenseits vom Herrn der Ringe und Star Wars – durch große Absatzzahlen oder Erträge glänzt. Gleichzeitig vermute ich aber, dass dieser Bereich einer sein könnte, der sich durch eine besondere Beständigkeit auszeichnet, da die Filmmusik-Fans auch heute noch gerne und umfangreich Tonträger erwerben.

Michael P. Aust: Wenn ich die SZ von Mittwoch richtig gelesen habe, dann kann man mit 39.000 verkauften Alben in den USA auf Platz 7 der meistverkauften Alben kommen. Da hege ich den Verdacht, dass im Bereich der Film– und Medienmusik derzeit immer noch deutlich besser und stabiler verdient wird. Und tatsächlich drängen ja altverdiente Recken, junge Hochschulabsolventen, aktuelle Bands, Verlage und Labels wie nie zuvor in den Bereich Film- und Gamesmusik. Da ist seit ein paar Jahren ein ungeheuerer Druck zu beobachten, der kommt nicht von ungefähr. Die Umsätze in diesem Bereich wachsen auch nach wie vor, eine der wenigen Ecken der Musikindustrie, wo das klappt. Attraktiv also.

Austin Wintory ist derzeit mit der Musik zum Spiel Journey in gut 20 Ländern in den Top Ten der iTunes Charts, das geht also sogar bei Indie-Spielen. Und es ist Musik, für die der Komponist sozusagen schon bezahlt worden ist. Tonträger, Downloads, das sind hier Zuckerl, aber nicht Teil der Basics zum Überleben.

Solange die digitalen Erlöse im restlichen Musikmarkt nicht besser werden, wird die Film- und Gamesmusik daher immer mehr an Attraktivität gewinnen.

VUT: Wie schätzt Ihr den Stellenwert von Film- und Gamesmusik aus Deutschland in Deutschland, in Europa bzw. weltweit ein?

Michael P. Aust: Gamesmusik von deutschen Komponisten ist aufgrund der unglücklichen GEMA Situation eigentlich ein Ausnahmefall und wird es zunächst auch bleiben. Die GEMA-Mitgliedschaft wird da zum Ausschlusskriterium. Qualitativ wäre deutsche Musik aber natürlich schon interessant. Daher kann die Veränderung der Games Branche hin zu Online-Gaming schon eine Veränderung für die Zukunft bewirken. Nur fehlt dann den deutschen Komponisten jegliche Erfahrung und Track-Record. Dieser Nachteil wird also über Jahre den deutschen Komponisten schaden.

Im Filmmusikbereich erholen wir uns ganz langsam von einer ähnlichen Situation: Durch das englische steuerinduzierte Filmfinanzierungsmodell sind viele Komponisten aus England bis zum Anfang der 2000er Jahre in Blockbusterproduktionen eingesetzt worden. Jetzt sind sie Stars und unbedingt für große europäische und auch amerikanische Produktionen akzeptabel und bankable. Das Glück hatte kein deutscher Komponist. Selbst die Constantin setzt für ihre Blockbuster kaum Deutsche ein. Sie sind international eher schwer vermittelbar. Da bleiben eher die kleineren Projekte über. Aber hier tut sich vorsichtig was, ein langer Prozess, in dem die deutschen Produzenten Film für Film wieder lernen müssen, dass sie sehr gute Qualität zu sehr guten Preisen vor der Haustür haben  können – wenn sie sich trauen und in Koproduktionen auch mal dafür kämpfen, dass nicht nur die Schauspieler von hier kommen. SoundTrack_Cologne und der German Film Music Day in Cannes unterstützen diesen Weg.

Zum Abschluss wollten wir noch wissen, mit welchen Filmen, welcher Musik und welchen Filmmusiken die Drei sich in letzter Zeit beschäftigt haben 

 VUT: Eure persönliche Lieblingsfilm(tv-)musik des laufenden Jahres?

Matthias Hornschuh: Nicht unbedingt musikalisch, aber musikdramaturgisch: SHAME: Großartiger und sehr unerwarteter Musikeinsatz.

Michael P. Aust: Cliff Martinez Musik zu DRIVE: selten so eine wirkungsvoll gezeichnete Athmosphäre und Musikdramaturgie erlebt. Und dann POMMES ESSEN von meinem Bruder Markus: Eine Kinderfilmmusik ohne Kinder-Trallala-Geschnök. Funktioniert auch auf Tonträger ohne Film super.

VUT: Euer letzter gekaufter Tonträger?

Matthias Hornschuh: Habe auf dem Wühltisch den FAME-Soundtrack mitgenommen und mich sehr darauf gefreut, mich einen Abend lang der Nostalgie mit tollen alten Songs hinzugeben. CD eingelegt – und  ganz schnell angewidert wieder rausgeschmissen: Das war der OST fürs Remake. Erbärmlich ... Vielleicht hätte ich jemanden fragen sollen, der sich mit sowas auskennt ...

Matthias Kapohl: Amon Tobin Boxset

Michael P. Aust: High Places auf Schallplatte. Als Download: Bot’ox, Danger Mouse, Austin Wintory (Musik zum Spiel Journey), Nicolas Jaar, Whomadewho.

VUT: Euer letzter besuchter Kinofilm?

Matthias Hornschuh: ABSEITSFALLE von Stefan Hering, auf dem Filmtagen in Hof. War aber Dienst: Ich habe die Musik für den Film geschrieben ...

Michael P Aust: Cure for pain: The Mark Sandman Story. Läuft auch bei uns im Festival...

Matthias, Matthias und Michael: wir bedanken uns sehr für das hoch interessante Gespräch. Wir haben viel gelernt und sind jetzt noch viel sicherer als vorher, dass Ihr nicht nur genau die richtigen Nominierten für unseren kleinen Preis seid, sondern noch für viele weitere nominiert werden solltet!

Tags: Die goldene Indieaxt

Kategorie: Indies

SoundTrack_Cologne

15. – 18.11.12 in Köln
www.soundtrackcologne.de

„See the Sound“
Kuratiertes Musikfilmfestival 

Konferenz mit Themen aus den Bereichen
- “Komponieren für Film”
- “Komponieren für Games”
- „Music Politics“ und
- „HowTo“

Peer Raben Music Award
Für die beste Musik in einem Kurzfilm

European Talent Award
Für Filmmusik und Sound Design

Weltpremiere „Cage“ von Frank Steffer
Retrospektive Frank Steffer
Ehrenpreis an Michael Nyman
(u.a. Musik für „Das Piano“)

 SoundTrack_Cologne über SoundTrack_Cologne

„Vom 15. bis 18. November 2012 präsentiert SoundTrack_Cologne zum neunten Mal das breite Spektrum der Verbindungen aus Film, Musik und Ton. Höhepunkte sind in diesem Jahr ein Stummfilmkonzert von und mit Michael Nyman (u.a. das Piano) in der Kölner Philharmonie, zwei Konzerte mit Games-Musik mit dem WDR Rundfunkorchester Köln und eine Retrospektive des bedeutenden Musikfilmregisseurs Frank Scheffer. Im Kongress diskutieren 90 Fachgäste in mehr als 30 Veranstaltungen Fragen zu kulturell-ästhetischen, rechtlich-wirtschaftlichen und technischen Schwerpunkten sowie Ausbildungsfragen. Das Filmfestivalprogramm SEE THE SOUND macht mit 30 Filmen – darunter eine Welt- und sieben deutsche Premieren – Musik sichtbar und zeigt die international interessantesten Musikdokumentarfilme des letzten Jahres.“

CineCologne – Zusammenschluss von 4 Kölner Festivals:

SoundTrack_Cologne 9, Festival&Kongress zu Filmmusik&Musikfilmen
23. Cinepänz – Kölner Kinderfilmfest
Unlimited #6 Europäische Kurzfilmfestival Köln
Exposed Nr. 5 Festival für erste Filme
www.cinecologne.de